Ausschnitte aus einem Radio-Interview mit Miriam Pfeffer
Donnerstag, 09. März 2006
Miriam Pfeffer war eine von den dreizehn Schülern, die Dr. Moshé Feldenkrais in Israel persönlich ausgebildet hat. Sie ist eine der international angesehensten Feldenkrais-Trainerin, ihr Feldenkrais Zentrum „ACCORD MOBILE“ ist in Paris.
Von: MARGARETHE SCHROM



Die Feldenkrais® - Methode sagt nicht was zu machen ist, sie schafft Bedingungen, dass die Person von und über sich etwas lernen kann, sie aktiviert den „inneren Lehrer“. Sie erlaubt eine innere Entwicklung, auf sich zu horchen, sich wahrzunehmen und achtsam zu sein, zu lernen, wie zu lernen ist, wie sich anzupassen an neue Bedingungen, wie zu kommunizieren. Der Mensch muss sich jede Sekunde an eine neue Lebenssituation anpassen. Die Feldenkrais - Methode ist nicht eine Gymnastik, sondern vielmehr eine Metapher das Gehirn neu zu ordnen, dass heißt ein plastisches Gehirn zu entwickeln. Das ist nicht Gymnastik, ja selbstverständlich wird man durch die Bewegungen geschmeidiger, Schmerzen werden vergehen etc., aber die Hauptsache ist es ein plastisches Gehirn zu entwickeln. Das ist nicht einfach zu erlernen, es braucht eine ganze Umstellung vom Denken, Spüren, Tun und ganz besonders von unserem Verhalten zum Leben, zu sich selber, einfach zu allem. Wenn sie Musik hören, klassische, müssen sie auch eine Reife haben um sie zu verstehen. Bei der Feldenkrais - Methode ist es das Gleiche, es ist viel besser, wenn jemand damit spielt, dann bekommt man eine Ahnung und wird vielleicht neugierig. Die Neugierde, die viele Menschen verloren haben, das kindliche Staunen wird wieder gelernt.

Wir gehen zur Bewusstheit des Skelettes. Man kann dieses Skelett spüren, nicht wie es im Buch steht, sondern wie nur ich alleine es spüre, die ganze Organisation wird dann anders sein. Noch etwas ist sehr wichtig, unsere Vergangenheit: Unsere Gefühle und Empfindungen sind in der Muskulatur eingeschrieben. Wenn wir aber zur Bewusstheit des Skeletts gehen, umgehen wir die Muskulatur und können verschiedene Traumata und anderes leichter loslassen, das ist unsere ganze Geschichte über viele Generationen. Das ist eine ganz wichtige Tatsache. Jemandem zu sagen „Sitz gerade“, tu dies oder das, das hilft nichts und wenn ich es tausendmal wiederhole. Solange die Worte nicht mit einem Gefühl, einem Empfinden verbunden sind, sind sie wirkungslos. Worte brauchen ein Empfinden. Wir sind mit Worten verbaut und Phrasen zugepflastert, das ist wichtig, aber wir brauchen auch ein Empfinden, denn Spüren und Fühlen sind ebenso wichtige Funktionen. Diese Trennung ist eines der großen Probleme unserer Zeit. Es gibt kein richtig oder falsch, das können wir nur schwer akzeptieren. Es gibt nicht die für alle gültige Bewegung, die nur so und nicht anders sein kann, das ist unmöglich. Was jetzt richtig ist, kann im nächsten Moment falsch sein, wir müssen uns die ganze Zeit anpassen. Dies ist eine Herausforderung an die Flexibilität unseres Nervensystems.

Wir sind ein Körper mit Geist, mit Seele und Fühlen, mit allem zusammen.Doch wir sind nicht wach, wir sind zurückgegangen, so schauen wir aus, wir sind Barbaren.Wenn ich wach sage, so heißt das wach sein, wenn man wach ist, aber wir schlafen am Tag. Das Aufwachen, braucht innere, feinere Energie und ein tieferes Bewusstsein, das kann man nicht direkt entwickeln. Es braucht Achtsamkeit, Wahrnehmung und verschiedene Wege bis es sich entwickelt. Bei der Feldenkrais - Methode lernen wir das, wir lernen die Instrumente dafür, wir sagen nicht, was Sie damit machen sollen. Nur Sie sollen diese menschlichen Instrumente zuerst haben, darum ist diese Methode so fundamental für die verschiedensten Sachen, was immer Sie auch machen, ob Tai Chi oder Yoga oder für Mathematik.....

Wir haben ein Gehirn, das zum Lernen gemacht ist, das ist der Unterschied zum Gehirn eines Tieres, beim Tier ist alles mehr oder weniger schon eingebaut. Beim Menschen aber kann man sagen, ist es wie ein weißes Papier, da ist ganz wenig erst eingeschrieben: Husten, Niesen, Weinen..., ansonsten müssen wir fast alles lernen. Es geht darum Bedingungen zu schaffen für dieses Lernen. Wann lerne ich am besten ? Das geschieht nicht direkt wenn ich es will. Die Leute wollen entspannt sein, aber sie machen genau das Gegenteil, umso mehr ich will umso weniger kann ich. Wenn jemand unbedingt schlafen will, dann kann er schon nicht schlafen.

Man muss „es“ lassen, die Wandlung geschieht, wir wandeln uns jede Minute wenn sie so wollen, etwas geschieht, sie bekommen die Informationen, sie können das nicht direkt machen. Es ist wie bei einer Pflanze: Was wir machen ist der Garten im Kopf! Zuerst müssen wir den Boden vorbereiten, einen sanften, lockeren Boden, dass der Boden den Samen aufnehmen kann und dann geht es durch einen großen Prozess. Es braucht eine Inkubation, entsprechendes Wasser, Sonne oder Schatten, was auch immer, damit muss ich mich beschäftigen und eines Tages wird es sprossen. Ich kann die Blume nicht sofort haben, das wird nicht gehen, so funktioniert das nicht. Das ist genau das, etwas muss in meinem Gehirn geschehen. Je mehr ich will, umso weniger bekomme ich es. Wenn ich das einmal in der Tiefe verstanden habe, werde ich den anderen auch nicht ändern wollen.

Wir haben Gewohnheiten, vor allem auch Denkgewohnheiten. Das macht Konfusion, aber ein wenig Chaos zu bringen ist notwendig, um wieder eine neue Ordnung zu finden und wieder Chaos und wieder Ordnung.....

Unser Gehirn ändert sich auch mit allen neuen Entdeckungen, die Entdeckungen werden immer schneller. Wir sollten uns erlauben, dass unsere Evolution sanfter geschieht, wir sollten humaner werden.

Moshé dachte so, das war sein Wunsch. Sein Großvater war ein berühmter Rabbiner. Moshé war in dem Sinne nicht religiös, aber er war eingebettet und seine Botschaft, die auch eine universale Botschaft ist. Wir alle sind Kanäle diese Botschaft weiter zu tragen. Ich möchte das Gute in allen sehen, oft ist das verdeckt. Die Sonne scheint immer, nur ist sie durch Wolken verdeckt. Mit unserem Gehirn ist es das gleiche! Das kann man wirklich herausholen, dass der Mensch wieder mehr Mensch wird, dass er lernt zu lieben und zu spüren.

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